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Wendepunkt am Limit - Interlaken 2011

bl logoBericht von Bruno Rupp

Am Wochenende wurde in Interlaken der Final der Bordairline Serie 2011 ausgetragen. 20 Athleten aus 5 Ländern starteten am Samstagmorgen beim Bödelibad, Zielschluss war 33 Stunden später, Sonntag um 17 Uhr am gleichen Ort. Der Österreicher Thomas Hofbauer gewann vor Chrigel Maurer aus Unterseen.

Die Regeln sind denkbar einfach: beim Bordairline legt jeder Athlet mit dem Gleitschirm fliegend und zu Fuss eine frei gewählte, möglichst weite Strecke zurück. Nach 33 Stunden muss er am Ausgangspunkt zurück sein, Start und Ziel sind also am gleichen Ort. Für jeden zurück gelegten Kilometer gibt es einen Punkt. Bergbahnen und Autotransporte sind natürlich verboten.

Gewonnen hat, wer seinen Wendepunkt am weitesten vom Start weg gewählt und erreicht hat. Wer innerhalb der Renndauer von 33 Stunden zurück kommt erhält 20% Bonus, wer es nicht rechtzeitig zurück schafft, dem wird die fehlende Distanz zum Ziel von seiner Wettkampfstrecke abgezogen. Das Reglement schreibt vor, dass mindestens 20% der Strecke geflogen werden müssen. Jeder versucht natürlich, möglichst weit zu fliegen, weil er so in der gleichen Zeit viel grössere Distanzen als zu Fuss zurück legen und erst noch seine Kräfte schonen kann. Aus Sicherheitsgründen ist das Fliegen nur von Sonnenaufgang (7h) bis Sonnenuntergang (20h) gestattet. Ebenfalls der Sicherheit dient ein Logger, der immer anzeigt, wo sich der Pilot gerade befindet. Dank dem Logger kann der Verlauf des Rennens im Internet mitverfolgt werden.

Bordairlines werden organisiert von der österreichischen Pelletheizungsfirma Biotech. Die beiden ersten Rennen 2011 wurden in Werfenweng bei Salzburg und in Klagenfurt am Radsberg ausgetragen. Vor dem dritten und letzten Rennen der Saison 2011 in Interlaken führten drei Österreicher die Gesamtrangliste an: Thomas Hofbauer mit 240 Punkten vor Martin Gruber (182) und Paul Guschlbauer (150). Es war anzunehmen, dass die drei das Rennen unter sich ausmachen.

Das prognostizierte Wetter war für den Wettkampf ungünstig, weil Föhn und Regen nur kurze Flüge erlauben werden. Föhn kann mit seinen unregelmässigen Windstössen für die Gleitschirmpiloten gefährlich werden. Beim Meteo-Briefing am Freitag war die Föhntendenz mit 6 Hektopascal Druckunterschied zwischen Süd und Nord stark ausgeprägt, in der Nacht auf Samstag zum Rennbeginn sank sie auf nur noch 3 Hektopascal. Ein Durchbruch des Föhns ist in der Region zuerst in Meiringen und am Brünig zu erwarten, erst später auch in Interlaken und weiter westwärts. Wenn der Föhn am Sonntag ab Mittag zusammenbricht, werden die Flugbedingungen nicht besser, im Gegenteil: weil dann Regen einsetzen wird, sind für den Rückweg die Füsse gefordert.

Der einheimische Gleitschirmprofi Chrigel Maurer orientierte am Vorabend des Bordairlines die 20 Teilnehmer aus fünf Nationen über die Besonderheiten des Luftraumes im Berner Oberland: Wildschutzgebiete am Hardergrat, bei Brienz und in Grindelwald sind zu meiden oder in genügender Höhe zu überfliegen. Die Lufträume bei den Heliports sind im Umkreis von fünf km gesperrt, während der Militärflugplatz Meiringen am Wochenende nicht aktiv und sein Luftraum somit frei ist. Fallschirmspringer beanspruchen die rechte Talseite beim Flugplatz Reichenbach, dieser Luftraum ist für Gleitschirmpiloten ebenfalls gesperrt.

Das Wetter bestimmt die Taktik jedes Gleitschirmrennens. Das gilt ganz besonders für ein Bordairline, wo der Pilot seine Route und den Wendepunkt individuell wählt. Chrigel Maurer gab Tipps zum Startberg, den es ja zuerst mal zu besteigen gilt: „Wir haben rund um Interlaken viele gute Start- und Flugmöglichkeiten. Das Schilthorn ist in rund 6 Stunden zu erreichen und bietet mit seiner Höhe von rund 3000 Meter über Meer wahrscheinlich einen Start in brauchbare Thermik. Am Niesen werden wir der Kette entlang gegen den Südwestwind fliegen, und von hier aus ostwärts werden die Berge niedriger und die Thermik geringer.“ Aha, zuerst also von Interlaken zu Fuss auf Schilthorn, Niesen oder einen anderen Startberg ... und am Sonntag wahrscheinlich nur ein kurzes Flugfenster und wieder lange Fussmärsche. Wer ein Bordairline bestreitet ist offensichtlich ein harter Kerl.

Der Wettkampf entwickelte sich zu einem Duell zwischen dem Österreicher Thomas Hofbauer und dem Einheimischen Chrigel Maurer. Maurer flog vom Morgenberghorn Richtung Südwesten, erreichte als Wendepunkt Chateau-d' Oex (Luftlinie 62,7 Kilometer) und kam am frühen Nachmittag nur zu fuss nach Interlaken zurück. Hofbauer startete in die Gegenrichtung, sein Wendepunkt war bei Root 10 km nordöstlich von Luzern. Als er eine halbe Stunde vor dem Wettkampf Ende beim Bödelibad eintraf, hatte er mit 63,7 Kilometer Chrigel Maurer um eine Nasenlänge geschlagen. Damit gewann er das Bordairline Interlaken und die Bordairline Serie 2011.

Bruno Rupp
www.biotech-energietechnik.ch

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